Thomas F. Schneider: Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“. Text, Edition, Entstehung, Distribution und Rezeption (1928-1930)

Rezension von Walter Delabar (2010)

Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues gehört aus mehrerlei Gründen zu den bedeutendsten literarischen Ereignissen des frühen 20. Jahrhunderts. Anfang 1929 im Propyläen-Verlag erschienen, erreichte der Roman innerhalb eines Jahres eine Auflage von rund 1 Mio. Exemplaren. Diese Auflage ist in der Kürze der Zeit und für das Segment innerhalb des Literaturbetriebs bemerkenswert. Der Roman ist durch seinen Verleger, den Ullstein-Konzern, zu dem der Propyläen-Verlag gehörte, bereits als Text erkennbar, der ein breites Lesepublikum erreichen will, dabei jedoch problemorientiert und zeitbewusst vorgeht. Mit der Kriegsthematik ist dies zweifelsohne geschehen, mit der Anlage des Textes ist zudem dem Dilemma begegnet, dass gerade bei einer derart brisanten Thematik einerseits die Gefahr besteht, dass der Text einerseits sich positionieren muss, um seine Leser zu erreichen, andererseits dabei keine zu klare Position einnehmen darf, um nicht von weiten Leserkreisen ausgeschlossen zu werden. Insofern ist Siegfried Kracauer zuzustimmen, der bei Gelegenheit seiner Besprechung des Romans vom gelungenen Experiment schrieb, das jeder Bestseller eben sei. Dass im selben Jahr Thomas Manns Buddenbrooks das selbe Kunststück gelang, allerdings mit einem zu diesem Zeitpunkt bereits knapp 30 Jahre alten Text, sei immerhin ergänzt, um zudem darauf verweisen zu können, dass sich das Qualitätssegment im Literaturbetrieb der Weimarer Republik Ende der zwanziger Jahre in massivem Umbau befand und dabei die Grundlagen des heutigen Buchmarketings entwickelte. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

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Georg Klein: Roman unserer Kindheit

Rezension von Markus Symmank

Georg Klein, Jahrgang 1953, lebt in Ostfriedland; er hat eine Reihe beachteter Romane und Erzählungen vorgelegt. Für seine Lesung aus Libidissi (1998) erhielt er im Jahr nach dessen Erscheinen den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2010 dann folgte der Preis der Leipziger Buchmesse für den hier besprochenen Roman unserer Kindheit. Es sind die Fülle der Stilmittel und das Interesse für Genres sowie ein eigener Zugang zum jeweils gewählten Stoff, die auch die Erzählungen (Von den Deutschen 2002; Sünde, Güte, Blitz 2008) Georg Kleins auszeichnen.

Vor allem die Romane müssen genannt werden, neben dem erwähnten preisgekrönten Libidissi (1998) namentlich Die Sonne scheint uns (2004) sowie Barbar Rosa. Eine Detektivgeschichte (2001). Die Sonne scheint uns, ebenfalls preiswürdig, entwickelt in außergewöhnlich präzise durchformten Perioden atmosphärisch dichte Bilder, die, den Welten in Alfred Kubins Die andere Seite ähnlich, mit zunehmendem Verlauf ein schwer bestimmbares und in der deutschen Literatur seltenes Unheimliches heraufbeschwören: eine Spannweite zwischen sprachlicher Präzision, atmosphärischer Dichte und sachlicher Unbestimmtheit. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Von Genen, Träumen und einer kleinen weißen Kugel. Benedict Wells‘ Roman „Fast genial“

Rezension von Christian Baier

Trotz seiner erst 27 Jahre ist Benedict Wells kein Unbekannter in der deutschen Literaturszene: Seine Werke Becks letzter Sommer (2008) und Spinner (2009) haben ihm nicht nur den Bayrischen Kunstförderpreis 2009, sondern auch eine stetig wachsende Leserschaft eingetragen, und seit das heute journal ihn und seinen neuen Roman Fast genial (2011) am 22. August 2011 mit einem eigenen Beitrag gewürdigt hat, dürfte sein Name auch vielen Nicht-Lesern ein Begriff sein.
Entsprechend hoch sind die Erwartungen an ein Werk, das den Inbegriff künstlerischer Kreativität und Originalität, das Genie, bereits im Titel trägt. Bei der Lektüre zeigt sich jedoch rasch, dass Genialität und Genie unter den Themen und Motiven des Romans nur eine untergeordnete Rolle spielen. Fast genial ist ein literarisches road movie, eine klassische coming of age story, in der die Suche des Protagonisten nach seinem Vater in Wahrheit die Suche nach der eigenen Identität und einem Platz in Welt und Leben repräsentiert. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)