Uwe Timm: Von Anfang und Ende. Über die Lesbarkeit der Welt. Frankfurter Poetikvorlesung

Rezension von Andreas Martin Widmann (2010)

Im Sommer 2009, als Uwe Timm die Frankfurter Poetikdozentur innehatte, fiel das fünfzigste Jahr ihres Bestehens zusammen mit den gerade erst verebbenden Wellen der Bestürzung über den Umzug des Suhrkamp Verlags nach Berlin und also mit dem Abschied von einer kulturellen Institution, die diese jährlichen Auftritte namhafter deutschsprachiger Autorinnen und Autoren von Beginn an mitgefördert und gestaltet hat. Auch der Adorno-Hörsaal, in dem die Vorlesungen stattfanden, wird bald nicht mehr existieren, und so stand Timms Dozentur rein äußerlich unter dem Zeichen einer Auseinandersetzung mit der Tradition, sowohl im Hinblick auf das Jubiläum als auch auf die bevorstehenden Brüche mit dem Hergebrachten. Timms Einblicken in den eigenen Schreibprozess ist dieser Rahmen insofern analog, als er dabei tatsächlich seine Überlegungen an eigenen Werken ebenso festmacht wie an solchen der Weltliteratur. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

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Spiegel im fremden Wort. Vladimir Vertlibs Dresdner Poetikvorlesungen

Essay von Benoît Pivert (2011)

Vladimir Vertlib ist Jude. Er scheint sogar alle Klischees bestätigen zu wollen, deren Antisemiten sich gern bedienen: nirgendwo ansässig, keinem Land zugehörig, heimatlos, wurzellos. Diesen Eindruck erweckt eine Vita, die zugegebenermaßen einer wahren Odyssee gleicht. 1965 in Leningrad geboren, wandert der junge Vladimir 1971 im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Israel aus. Schon im darauffolgenden Jahr verlässt er mit seinen Eltern das gelobte Land, das ihre Hoffnungen nicht erfüllt hat. Das Jahr 1972 ist kennzeichnend für den mäandernden Lebensweg des Jungen: Übersiedlung nach Wien, Aufenthalt in Rom, Rückkehr nach Wien, wo er drei Jahre lang die Grundschule besucht. Aber sein Vater rastet nie lange. 1976 emigrieren die Vertlibs zum zweiten Mal nach Israel – zweiter Versuch, zweites Scheitern. Zwischen 1976 und 1980 folgen drei weitere Stationen: Rom, Wien und Amerika. Erst 1981 kommt der junge Vladimir zur Ruhe. Seine Familie lässt sich nach zahlreichen Umwegen in Wien nieder. Dort wohnt Vladimir Vertlib immer noch, heute als Schriftsteller. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)