Nis-Momme Stockmann: Das blaue blaue Meer

Rezension von Johannes Birgfeld (2010)

Nis-Momme Stockmann, Jahrgang 1981, ist unter den jüngeren deutschsprachigen Theaterautoren so etwas wie ein Shootingstar: Im Juni 2009 gewann er, bis dahin ungespielt auf deutschen Bühnen, beim Heidelberger Stückemarkt mit Der Mann, der die Welt aß den Haupt- und den Publikumspreis. Im Dezember folgte die Uraufführung in Heidelberg, am 22. Januar die Erstaufführung von Das blaue blaue Meer in Frankfurt und schließlich in Stuttgart im Februar Kein Schiff wird kommen. Dessen Inszenierung von Annette Pullen wurde sogleich zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen und in das Rahmenprogramm des Berliner Theatertreffens 2010 aufgenommen. Seither wurde Stockmann in einer Umfrage unter 42 Theaterkritikern in Theater heute im August 2010 zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gekürt, und im November fand mit Die Ängstlichen und die Brutalen in Frankfurt eine weitere Uraufführung statt. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

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Gebrauchstheater. Ulrike Syha: Herr Schuster kauft eine Straße

Rezension von Johannes Birgfeld (2011)

Theater sind mitunter durchaus eigenwillige Orte: Während heute etwa Regisseure, Bühnenbildner oder Ausstatter oft vehement ihre künstlerische Autonomie betonen, einfordern und durchsetzen, sind sie zugleich gemeinsam mit den Dramaturgen überwiegend der Auffassung, dass dramatische Texte prinzipiell einer Bearbeitung, Kürzung oder Ergänzung bedürfen, bevor sie zur Aufführung gebracht werden können. Ähnlich lässt sich an Theatern eine Praxis beobachten, die in anderen literarischen Gattungen unüblich ist: Fast niemand erwägt heute, Autoren für eine festgeschriebene Summe mit der Niederschrift eines Romans oder eines Gedichtes zu beauftragen. Theater hingegen entscheiden sich regelmäßig für die Kommissionierung neuer Auftragsdramen. Auch dabei kann der Eindruck entstehen, dramatische Literatur gelte an Theatern als auf Zuruf herstellbare Ware mit einiger Nähe zur Gebrauchsliteratur. Dies ist besonders dann der Fall, wenn zwischen Autor und Theater sogar konkrete Themen für das zu schreibende Stück vereinbart werden.
In der Saison 2009/2010 war Ulrike Syha, Jahrgang 1976, Hausautorin am Mannheimer Nationaltheater. Ihr Schauspiel Herr Schuster kauft eine Straße, das im Herbst 2010 ebendort uraufgeführt wurde, entstand als Auftragsarbeit des Hauses. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

„Inmitten der Fremde: Nur wir.“ Elfriede Jelineks und Wilhelm Müllers Winterreisen im Dialog

Essay von Björn Hayer

Schon während ihres Studiums wird El­friede Jelinek erstmals mit Wilhelm Mül­lers bzw. Franz Schuberts schauerlichem Liederzyklus Die Winterreise und den dar­in diskutierten existenziellen Fragen der Condition d‘ humaine konfrontiert. Die 24 Rollengedichte handeln von einem Wanderer, welcher nach „der traumati­schen Erfahrung einer unglücklichen Lie­be fluchtartig eine Stadt“ verlässt und in „Phasen absoluter Hoffnungslosigkeit und Todessehnsucht schließlich einen in seinem Dasein ebenfalls gefährdeten Bet­telmusikanten, mit dem er künstlerisch zusammengehen will“, begegnet.
Zur Exterritorialität in einer fremd gewor­denen Welt verurteilt, geistert auch Jeli­neks leidklagendes Ich aus dem bereits im Titel an Müller angelehnten Theater­stück Winterreise am Rande der Selbstne­gation. Weiterlesen (gesamter Essay als PDF-Dokument)