Spiegel im fremden Wort. Vladimir Vertlibs Dresdner Poetikvorlesungen

Essay von Benoît Pivert (2011)

Vladimir Vertlib ist Jude. Er scheint sogar alle Klischees bestätigen zu wollen, deren Antisemiten sich gern bedienen: nirgendwo ansässig, keinem Land zugehörig, heimatlos, wurzellos. Diesen Eindruck erweckt eine Vita, die zugegebenermaßen einer wahren Odyssee gleicht. 1965 in Leningrad geboren, wandert der junge Vladimir 1971 im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Israel aus. Schon im darauffolgenden Jahr verlässt er mit seinen Eltern das gelobte Land, das ihre Hoffnungen nicht erfüllt hat. Das Jahr 1972 ist kennzeichnend für den mäandernden Lebensweg des Jungen: Übersiedlung nach Wien, Aufenthalt in Rom, Rückkehr nach Wien, wo er drei Jahre lang die Grundschule besucht. Aber sein Vater rastet nie lange. 1976 emigrieren die Vertlibs zum zweiten Mal nach Israel – zweiter Versuch, zweites Scheitern. Zwischen 1976 und 1980 folgen drei weitere Stationen: Rom, Wien und Amerika. Erst 1981 kommt der junge Vladimir zur Ruhe. Seine Familie lässt sich nach zahlreichen Umwegen in Wien nieder. Dort wohnt Vladimir Vertlib immer noch, heute als Schriftsteller. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

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Georg Klein: Roman unserer Kindheit

Rezension von Markus Symmank

Georg Klein, Jahrgang 1953, lebt in Ostfriedland; er hat eine Reihe beachteter Romane und Erzählungen vorgelegt. Für seine Lesung aus Libidissi (1998) erhielt er im Jahr nach dessen Erscheinen den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2010 dann folgte der Preis der Leipziger Buchmesse für den hier besprochenen Roman unserer Kindheit. Es sind die Fülle der Stilmittel und das Interesse für Genres sowie ein eigener Zugang zum jeweils gewählten Stoff, die auch die Erzählungen (Von den Deutschen 2002; Sünde, Güte, Blitz 2008) Georg Kleins auszeichnen.

Vor allem die Romane müssen genannt werden, neben dem erwähnten preisgekrönten Libidissi (1998) namentlich Die Sonne scheint uns (2004) sowie Barbar Rosa. Eine Detektivgeschichte (2001). Die Sonne scheint uns, ebenfalls preiswürdig, entwickelt in außergewöhnlich präzise durchformten Perioden atmosphärisch dichte Bilder, die, den Welten in Alfred Kubins Die andere Seite ähnlich, mit zunehmendem Verlauf ein schwer bestimmbares und in der deutschen Literatur seltenes Unheimliches heraufbeschwören: eine Spannweite zwischen sprachlicher Präzision, atmosphärischer Dichte und sachlicher Unbestimmtheit. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Gebrauchstheater. Ulrike Syha: Herr Schuster kauft eine Straße

Rezension von Johannes Birgfeld (2011)

Theater sind mitunter durchaus eigenwillige Orte: Während heute etwa Regisseure, Bühnenbildner oder Ausstatter oft vehement ihre künstlerische Autonomie betonen, einfordern und durchsetzen, sind sie zugleich gemeinsam mit den Dramaturgen überwiegend der Auffassung, dass dramatische Texte prinzipiell einer Bearbeitung, Kürzung oder Ergänzung bedürfen, bevor sie zur Aufführung gebracht werden können. Ähnlich lässt sich an Theatern eine Praxis beobachten, die in anderen literarischen Gattungen unüblich ist: Fast niemand erwägt heute, Autoren für eine festgeschriebene Summe mit der Niederschrift eines Romans oder eines Gedichtes zu beauftragen. Theater hingegen entscheiden sich regelmäßig für die Kommissionierung neuer Auftragsdramen. Auch dabei kann der Eindruck entstehen, dramatische Literatur gelte an Theatern als auf Zuruf herstellbare Ware mit einiger Nähe zur Gebrauchsliteratur. Dies ist besonders dann der Fall, wenn zwischen Autor und Theater sogar konkrete Themen für das zu schreibende Stück vereinbart werden.
In der Saison 2009/2010 war Ulrike Syha, Jahrgang 1976, Hausautorin am Mannheimer Nationaltheater. Ihr Schauspiel Herr Schuster kauft eine Straße, das im Herbst 2010 ebendort uraufgeführt wurde, entstand als Auftragsarbeit des Hauses. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Amerika: Liebe auf den ersten Blick. Gespräch mit Hans Ulrich Gumbrecht

Interview von Jürgen Koppensteiner (2010)

Jürgen Koppensteiner: Bei der Lektüre Ihres neuesten Buches, California Graffiti. Bilder vom westlichen Ende der Welt, ist mir zunächst aufgefallen, dass Sie immer wieder den Begriff „Heimat“ verwenden. Was bedeutet „Heimat“ für Sie? Und welche Rolle spielt Amerika in Ihrem Leben?

Hans Ulrich Gumbrecht: Was bedeutet mir Amerika und was ist Heimat? Das habe ich mich selbst auch oft gefragt, weil ich das immer sage, eigenartigerweise. Ich bin in Bayern aufgewachsen und habe, bis ich 40 war, in Deutschland gelebt.
Für Kalifornien habe ich ein Gefühl, das ich für Deutschland nie hatte. Für mich ist Kalifornien Heimat. Hier fühle ich mich zu Hause. Und ich bin stolz auf meine Heimat. Ich habe auch in ein paar anderen Ländern gelebt, etliche Jahre in Frankreich und in Spanien und ein paar Monate in Italien. Das Gefühl wird jetzt stärker und das hat natürlich mit dem Alter zu tun. Weiterlesen (gesamtes Interview als PDF-Dokument)

Begreifen erleben. Barbara Aschenwalds Erzählungsband „Leichten Herzens“

Rezension von Grazia Lindt

Bereits der Titel spricht an, erst recht aber, wofür er steht. Leichten Herzens entpuppt sich als bestens auf den Punkt gebrachte Quintes­senz von dreizehn kurzen Erzählungen, mit denen die Österreicherin Barbara Aschen­wald, Jahrgang 1982, sich nun als Prosaauto­rin auf Anhieb einen Namen gemacht hat. Die Anerkennung ihres unter den jungen Er­zählern so ungewöhnlichen Debuts erfolgte prompt: Am 17. November erhielt sie in Frankfurt am Main den mit 15.000 Euro do­tierten Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stif­tung, wozu auch an dieser Stelle herzlich gra­tuliert sei.
Was diese Erzählungen, entlang der Leitfra­ge, was man wirklich zum Leben braucht, er­fahren lassen und wie sie es tun, könnte ge­fragter kaum sein, bevorzugt – jedoch keines­wegs allein – unter Jüngeren in ihrem noch größeren Orientierungsbedarf. Die Texte bestechen sowohl in ihrem wachen Beobachten unserer Lebenswelt als auch im feinsinnigem In-Gang-Setzen vielfältiger Reflexion. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

„Inmitten der Fremde: Nur wir.“ Elfriede Jelineks und Wilhelm Müllers Winterreisen im Dialog

Essay von Björn Hayer

Schon während ihres Studiums wird El­friede Jelinek erstmals mit Wilhelm Mül­lers bzw. Franz Schuberts schauerlichem Liederzyklus Die Winterreise und den dar­in diskutierten existenziellen Fragen der Condition d‘ humaine konfrontiert. Die 24 Rollengedichte handeln von einem Wanderer, welcher nach „der traumati­schen Erfahrung einer unglücklichen Lie­be fluchtartig eine Stadt“ verlässt und in „Phasen absoluter Hoffnungslosigkeit und Todessehnsucht schließlich einen in seinem Dasein ebenfalls gefährdeten Bet­telmusikanten, mit dem er künstlerisch zusammengehen will“, begegnet.
Zur Exterritorialität in einer fremd gewor­denen Welt verurteilt, geistert auch Jeli­neks leidklagendes Ich aus dem bereits im Titel an Müller angelehnten Theater­stück Winterreise am Rande der Selbstne­gation. Weiterlesen (gesamter Essay als PDF-Dokument)

Von Genen, Träumen und einer kleinen weißen Kugel. Benedict Wells‘ Roman „Fast genial“

Rezension von Christian Baier

Trotz seiner erst 27 Jahre ist Benedict Wells kein Unbekannter in der deutschen Literaturszene: Seine Werke Becks letzter Sommer (2008) und Spinner (2009) haben ihm nicht nur den Bayrischen Kunstförderpreis 2009, sondern auch eine stetig wachsende Leserschaft eingetragen, und seit das heute journal ihn und seinen neuen Roman Fast genial (2011) am 22. August 2011 mit einem eigenen Beitrag gewürdigt hat, dürfte sein Name auch vielen Nicht-Lesern ein Begriff sein.
Entsprechend hoch sind die Erwartungen an ein Werk, das den Inbegriff künstlerischer Kreativität und Originalität, das Genie, bereits im Titel trägt. Bei der Lektüre zeigt sich jedoch rasch, dass Genialität und Genie unter den Themen und Motiven des Romans nur eine untergeordnete Rolle spielen. Fast genial ist ein literarisches road movie, eine klassische coming of age story, in der die Suche des Protagonisten nach seinem Vater in Wahrheit die Suche nach der eigenen Identität und einem Platz in Welt und Leben repräsentiert. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)