Männliche Konstruktionen von weiblicher Intuition und Mütterlichkeit in E. T. A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“ und Peter Høegs „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“

Essay von Markus Reitzenstein (2010)

E. T. A. Hoffmann gilt nicht nur als ein bedeutender Schriftsteller der schwarzen Romantik und der deutschen Schauerliteratur, er ist neben Edgar Alan Poe auch Wegbereiter der zeitgenössischen Detektivgeschichte und steht am Beginn der  Entwicklung dieser populären Gattung. Doch nicht nur unter diesem Gesichtspunkt ist seine Novelle Das Fräulein von Scuderi (1818) noch heute von Interesse. In Hoffmanns im Paris Ludwigs des XIV. angesiedelter, prototypische Züge einer Detektivgeschichte tragenden Künstlernovelle, in der (mindestens) zwei verschiedene künstlerische Prinzipien einander gegenübergestellt werden, kommen darüber hinaus noch weitere Handlungselemente und Motive zum Tragen, die sich in (mindestens einem Beispiel) der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts wiederfinden: in Peter Høegs Wissenschaftsthriller Fräulein Smillas Gespür für Schnee (dän. 1992, dt. 1994).
Die hier gemeinten wiederkehrenden Elemente stehen zwar mit dem Genre der Detektivgeschichte in Zusammenhang, könnten aber auch unabhängig von diesem Verwendung gefunden haben, da sie kein integraler Bestandteil desselben sind: Es soll hier um ein bestimmtes Bild der Weiblichkeit und der sogenannten weiblichen Intuition sowie, damit in Verbindung stehend, um gewisse Vorstellungen von weiblich-mütterlicher Fürsorge gehen, die sich in auffallender Ähnlichkeit in den oben genannten Werken spiegeln. Weiterlesen (Gesamter Essay als PDF-Dokument)

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Carsten Dutt, Dirk von Petersdorff (Hg.): Günter Eichs Metamorphosen. Marbacher Symposium aus Anlass des 100. Geburtstages am 1. Februar 2007

Rezension von Walter Hettche (2010)

Die Herausgeber dieses Tagungsbandes schreiben in ihrem Vorwort, die hier versammelten Beiträge seien Ausdruck einer „Neuorientierung“ (S. 7) nach der hitzigen Kontroverse um Günter Eichs Verhalten während der Nazizeit. Man widme sich „wieder stärker den literarischen Texten, dies allerdings mit einem geschärften Blick für deren historische Kontexte“ (ebd.). Die Debatte um „Eichs Fall“ hat in der Tat in allen neun Aufsätzen des Buches ihre Spuren hinterlassen, am deutlichsten bei Jürgen Joachimsthaler und Jörg Döring, die sich mit Eichs vielfältigen „Verstrickungen“ (Joachimsthaler) und mit der Rezeptionsgeschichte seines Hörspiels Träume befassen (Döring). Joachimsthaler insistiert in seinem umfangreichen Aufsatz auf den Kontinuitäten in Haltung und Poetologie Eichs und argumentiert, die Eich-Debatte der frühen 90er Jahre habe gerade nicht zu einer neuen Auseinandersetzung mit seinem Werk geführt, sondern „zu einer  Spaltung Eichs in einen anrüchig jungen und einen geläutert ,guten‘ späte(re)n Eich“ (S. 89). Er folgt der einigermaßen kruden These Hans Dieter Schäfers, wonach Eich nach 1945 genauso wie davor „Frieden mit den Apparaturen“ gemacht habe, „um abzukassieren“ (zitiert S. 88f.), und er geht so weit, zu behaupten, Eich habe „als mit Abstand erfolgreichster Hörspielautor der 30er bis 60er Jahre“ dem von ihm so geschmähten „Establishment“ selbst angehört, er sei im Dritten Reich wie in der Bundesrepublik der „Verstrickung“ erlegen. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Uwe Timm: Von Anfang und Ende. Über die Lesbarkeit der Welt. Frankfurter Poetikvorlesung

Rezension von Andreas Martin Widmann (2010)

Im Sommer 2009, als Uwe Timm die Frankfurter Poetikdozentur innehatte, fiel das fünfzigste Jahr ihres Bestehens zusammen mit den gerade erst verebbenden Wellen der Bestürzung über den Umzug des Suhrkamp Verlags nach Berlin und also mit dem Abschied von einer kulturellen Institution, die diese jährlichen Auftritte namhafter deutschsprachiger Autorinnen und Autoren von Beginn an mitgefördert und gestaltet hat. Auch der Adorno-Hörsaal, in dem die Vorlesungen stattfanden, wird bald nicht mehr existieren, und so stand Timms Dozentur rein äußerlich unter dem Zeichen einer Auseinandersetzung mit der Tradition, sowohl im Hinblick auf das Jubiläum als auch auf die bevorstehenden Brüche mit dem Hergebrachten. Timms Einblicken in den eigenen Schreibprozess ist dieser Rahmen insofern analog, als er dabei tatsächlich seine Überlegungen an eigenen Werken ebenso festmacht wie an solchen der Weltliteratur. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Nis-Momme Stockmann: Das blaue blaue Meer

Rezension von Johannes Birgfeld (2010)

Nis-Momme Stockmann, Jahrgang 1981, ist unter den jüngeren deutschsprachigen Theaterautoren so etwas wie ein Shootingstar: Im Juni 2009 gewann er, bis dahin ungespielt auf deutschen Bühnen, beim Heidelberger Stückemarkt mit Der Mann, der die Welt aß den Haupt- und den Publikumspreis. Im Dezember folgte die Uraufführung in Heidelberg, am 22. Januar die Erstaufführung von Das blaue blaue Meer in Frankfurt und schließlich in Stuttgart im Februar Kein Schiff wird kommen. Dessen Inszenierung von Annette Pullen wurde sogleich zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen und in das Rahmenprogramm des Berliner Theatertreffens 2010 aufgenommen. Seither wurde Stockmann in einer Umfrage unter 42 Theaterkritikern in Theater heute im August 2010 zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gekürt, und im November fand mit Die Ängstlichen und die Brutalen in Frankfurt eine weitere Uraufführung statt. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Zwei Deutsche in Paris. Über Felix Hartlaubs „Kriegsaufzeichnungen aus Paris“ und Ernst Jüngers „Erstes Pariser Tagebuch“

Essay von Benoît Pivert

Die Zeit der deutschen Besatzung gehört in Frankreich zu den ergiebigsten Inspirationsquellen. Nicht nur die Historiker haben sich dieses düsteren Kapitels der französischen Geschichte angenommen, sondern auch die Belletristen und Regisseure, welche diesem Thema gelegentlich Komödien wie La grande vadrouille mit Louis de Funès oder Papy fait de la résistance abgewinnen konnten. An deutschen Erfahrungsberichten fehlt es aber weitgehend. Umso erfreulicher ist es, dass Felix Hartlaubs Kriegsaufzeichnungen aus Paris auch in französischer Fassung vorliegen, denn das Buch gewährt aus deutscher Sicht einen zugleich realistischen und poetischen Einblick in den Alltag jener Zeit. Der französische Leser kann auch auf Ernst Jüngers Kriegstagebuch zurückgreifen, das 1949 unter dem Titel Strahlungen in Deutschland erschien und bereits 1951 ins Französische übersetzt wurde. Strahlungen umfasst neben einem gleichnamigen Kapitel Das Erste Pariser Tagebuch, Kaukasische Aufzeichnungen, Das Zweite Pariser Tagebuch und Kirchhorster Blätter. Die Aufzeichnungen reichen vom Februar 1941 bis zum April 1945. Hier werden wir nur auf Das Erste Pariser Tagebuch eingehen, denn es beinhaltet jene Zeitspanne, in der Hartlaub und Jünger in Paris waren. Die Stadt bot also den beiden Beobachtern denselben Anblick und dieselbe Atmosphäre. Weiterlesen (Gesamter Essay als PDF-Datei)

Thomas F. Schneider: Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“. Text, Edition, Entstehung, Distribution und Rezeption (1928-1930)

Rezension von Walter Delabar (2010)

Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues gehört aus mehrerlei Gründen zu den bedeutendsten literarischen Ereignissen des frühen 20. Jahrhunderts. Anfang 1929 im Propyläen-Verlag erschienen, erreichte der Roman innerhalb eines Jahres eine Auflage von rund 1 Mio. Exemplaren. Diese Auflage ist in der Kürze der Zeit und für das Segment innerhalb des Literaturbetriebs bemerkenswert. Der Roman ist durch seinen Verleger, den Ullstein-Konzern, zu dem der Propyläen-Verlag gehörte, bereits als Text erkennbar, der ein breites Lesepublikum erreichen will, dabei jedoch problemorientiert und zeitbewusst vorgeht. Mit der Kriegsthematik ist dies zweifelsohne geschehen, mit der Anlage des Textes ist zudem dem Dilemma begegnet, dass gerade bei einer derart brisanten Thematik einerseits die Gefahr besteht, dass der Text einerseits sich positionieren muss, um seine Leser zu erreichen, andererseits dabei keine zu klare Position einnehmen darf, um nicht von weiten Leserkreisen ausgeschlossen zu werden. Insofern ist Siegfried Kracauer zuzustimmen, der bei Gelegenheit seiner Besprechung des Romans vom gelungenen Experiment schrieb, das jeder Bestseller eben sei. Dass im selben Jahr Thomas Manns Buddenbrooks das selbe Kunststück gelang, allerdings mit einem zu diesem Zeitpunkt bereits knapp 30 Jahre alten Text, sei immerhin ergänzt, um zudem darauf verweisen zu können, dass sich das Qualitätssegment im Literaturbetrieb der Weimarer Republik Ende der zwanziger Jahre in massivem Umbau befand und dabei die Grundlagen des heutigen Buchmarketings entwickelte. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Wolfgang Hilbig: Werke. Band 2. Erzählungen und Kurzprosa

Rezension von Markus Symmank (2011)

In Memoriam Alexander von Bormann

Der zweite Band der Werke Wolfgang Hilbigs (* 1941, † 2007) widmet sich kürzeren fiktionalen Texten in chronologischer Folge. Versammelt sind Veröffentlichungen zu Lebzeiten und Ausgewähltes aus dem Nachlass; ergänzt wird das Corpus von einem Nachwort von Katja Lange-Müller, einer editorischen Einordnung von Jürgen Hosemann, von Quellen- und Inhaltsverzeichnis. Also eine Leseausgabe, die den editorischen Teil samt Entstehungs- und Erscheinungsdaten im Anhang bringt. Der erste Band der Werkausgabe versammelte Gedichte, im dritten Band folgen Texte aus dem Grenzbereich von Erzählung und Roman wie Die Weiber und Alte Abdeckerei. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)