Nis-Momme Stockmann: Das blaue blaue Meer

Rezension von Johannes Birgfeld (2010)

Nis-Momme Stockmann, Jahrgang 1981, ist unter den jüngeren deutschsprachigen Theaterautoren so etwas wie ein Shootingstar: Im Juni 2009 gewann er, bis dahin ungespielt auf deutschen Bühnen, beim Heidelberger Stückemarkt mit Der Mann, der die Welt aß den Haupt- und den Publikumspreis. Im Dezember folgte die Uraufführung in Heidelberg, am 22. Januar die Erstaufführung von Das blaue blaue Meer in Frankfurt und schließlich in Stuttgart im Februar Kein Schiff wird kommen. Dessen Inszenierung von Annette Pullen wurde sogleich zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen und in das Rahmenprogramm des Berliner Theatertreffens 2010 aufgenommen. Seither wurde Stockmann in einer Umfrage unter 42 Theaterkritikern in Theater heute im August 2010 zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gekürt, und im November fand mit Die Ängstlichen und die Brutalen in Frankfurt eine weitere Uraufführung statt. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Thomas F. Schneider: Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“. Text, Edition, Entstehung, Distribution und Rezeption (1928-1930)

Rezension von Walter Delabar (2010)

Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues gehört aus mehrerlei Gründen zu den bedeutendsten literarischen Ereignissen des frühen 20. Jahrhunderts. Anfang 1929 im Propyläen-Verlag erschienen, erreichte der Roman innerhalb eines Jahres eine Auflage von rund 1 Mio. Exemplaren. Diese Auflage ist in der Kürze der Zeit und für das Segment innerhalb des Literaturbetriebs bemerkenswert. Der Roman ist durch seinen Verleger, den Ullstein-Konzern, zu dem der Propyläen-Verlag gehörte, bereits als Text erkennbar, der ein breites Lesepublikum erreichen will, dabei jedoch problemorientiert und zeitbewusst vorgeht. Mit der Kriegsthematik ist dies zweifelsohne geschehen, mit der Anlage des Textes ist zudem dem Dilemma begegnet, dass gerade bei einer derart brisanten Thematik einerseits die Gefahr besteht, dass der Text einerseits sich positionieren muss, um seine Leser zu erreichen, andererseits dabei keine zu klare Position einnehmen darf, um nicht von weiten Leserkreisen ausgeschlossen zu werden. Insofern ist Siegfried Kracauer zuzustimmen, der bei Gelegenheit seiner Besprechung des Romans vom gelungenen Experiment schrieb, das jeder Bestseller eben sei. Dass im selben Jahr Thomas Manns Buddenbrooks das selbe Kunststück gelang, allerdings mit einem zu diesem Zeitpunkt bereits knapp 30 Jahre alten Text, sei immerhin ergänzt, um zudem darauf verweisen zu können, dass sich das Qualitätssegment im Literaturbetrieb der Weimarer Republik Ende der zwanziger Jahre in massivem Umbau befand und dabei die Grundlagen des heutigen Buchmarketings entwickelte. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Wolfgang Hilbig: Werke. Band 2. Erzählungen und Kurzprosa

Rezension von Markus Symmank (2011)

In Memoriam Alexander von Bormann

Der zweite Band der Werke Wolfgang Hilbigs (* 1941, † 2007) widmet sich kürzeren fiktionalen Texten in chronologischer Folge. Versammelt sind Veröffentlichungen zu Lebzeiten und Ausgewähltes aus dem Nachlass; ergänzt wird das Corpus von einem Nachwort von Katja Lange-Müller, einer editorischen Einordnung von Jürgen Hosemann, von Quellen- und Inhaltsverzeichnis. Also eine Leseausgabe, die den editorischen Teil samt Entstehungs- und Erscheinungsdaten im Anhang bringt. Der erste Band der Werkausgabe versammelte Gedichte, im dritten Band folgen Texte aus dem Grenzbereich von Erzählung und Roman wie Die Weiber und Alte Abdeckerei. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Georg Klein: Roman unserer Kindheit

Rezension von Markus Symmank

Georg Klein, Jahrgang 1953, lebt in Ostfriedland; er hat eine Reihe beachteter Romane und Erzählungen vorgelegt. Für seine Lesung aus Libidissi (1998) erhielt er im Jahr nach dessen Erscheinen den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2010 dann folgte der Preis der Leipziger Buchmesse für den hier besprochenen Roman unserer Kindheit. Es sind die Fülle der Stilmittel und das Interesse für Genres sowie ein eigener Zugang zum jeweils gewählten Stoff, die auch die Erzählungen (Von den Deutschen 2002; Sünde, Güte, Blitz 2008) Georg Kleins auszeichnen.

Vor allem die Romane müssen genannt werden, neben dem erwähnten preisgekrönten Libidissi (1998) namentlich Die Sonne scheint uns (2004) sowie Barbar Rosa. Eine Detektivgeschichte (2001). Die Sonne scheint uns, ebenfalls preiswürdig, entwickelt in außergewöhnlich präzise durchformten Perioden atmosphärisch dichte Bilder, die, den Welten in Alfred Kubins Die andere Seite ähnlich, mit zunehmendem Verlauf ein schwer bestimmbares und in der deutschen Literatur seltenes Unheimliches heraufbeschwören: eine Spannweite zwischen sprachlicher Präzision, atmosphärischer Dichte und sachlicher Unbestimmtheit. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Gebrauchstheater. Ulrike Syha: Herr Schuster kauft eine Straße

Rezension von Johannes Birgfeld (2011)

Theater sind mitunter durchaus eigenwillige Orte: Während heute etwa Regisseure, Bühnenbildner oder Ausstatter oft vehement ihre künstlerische Autonomie betonen, einfordern und durchsetzen, sind sie zugleich gemeinsam mit den Dramaturgen überwiegend der Auffassung, dass dramatische Texte prinzipiell einer Bearbeitung, Kürzung oder Ergänzung bedürfen, bevor sie zur Aufführung gebracht werden können. Ähnlich lässt sich an Theatern eine Praxis beobachten, die in anderen literarischen Gattungen unüblich ist: Fast niemand erwägt heute, Autoren für eine festgeschriebene Summe mit der Niederschrift eines Romans oder eines Gedichtes zu beauftragen. Theater hingegen entscheiden sich regelmäßig für die Kommissionierung neuer Auftragsdramen. Auch dabei kann der Eindruck entstehen, dramatische Literatur gelte an Theatern als auf Zuruf herstellbare Ware mit einiger Nähe zur Gebrauchsliteratur. Dies ist besonders dann der Fall, wenn zwischen Autor und Theater sogar konkrete Themen für das zu schreibende Stück vereinbart werden.
In der Saison 2009/2010 war Ulrike Syha, Jahrgang 1976, Hausautorin am Mannheimer Nationaltheater. Ihr Schauspiel Herr Schuster kauft eine Straße, das im Herbst 2010 ebendort uraufgeführt wurde, entstand als Auftragsarbeit des Hauses. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Begreifen erleben. Barbara Aschenwalds Erzählungsband „Leichten Herzens“

Rezension von Grazia Lindt

Bereits der Titel spricht an, erst recht aber, wofür er steht. Leichten Herzens entpuppt sich als bestens auf den Punkt gebrachte Quintes­senz von dreizehn kurzen Erzählungen, mit denen die Österreicherin Barbara Aschen­wald, Jahrgang 1982, sich nun als Prosaauto­rin auf Anhieb einen Namen gemacht hat. Die Anerkennung ihres unter den jungen Er­zählern so ungewöhnlichen Debuts erfolgte prompt: Am 17. November erhielt sie in Frankfurt am Main den mit 15.000 Euro do­tierten Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stif­tung, wozu auch an dieser Stelle herzlich gra­tuliert sei.
Was diese Erzählungen, entlang der Leitfra­ge, was man wirklich zum Leben braucht, er­fahren lassen und wie sie es tun, könnte ge­fragter kaum sein, bevorzugt – jedoch keines­wegs allein – unter Jüngeren in ihrem noch größeren Orientierungsbedarf. Die Texte bestechen sowohl in ihrem wachen Beobachten unserer Lebenswelt als auch im feinsinnigem In-Gang-Setzen vielfältiger Reflexion. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Von Genen, Träumen und einer kleinen weißen Kugel. Benedict Wells‘ Roman „Fast genial“

Rezension von Christian Baier

Trotz seiner erst 27 Jahre ist Benedict Wells kein Unbekannter in der deutschen Literaturszene: Seine Werke Becks letzter Sommer (2008) und Spinner (2009) haben ihm nicht nur den Bayrischen Kunstförderpreis 2009, sondern auch eine stetig wachsende Leserschaft eingetragen, und seit das heute journal ihn und seinen neuen Roman Fast genial (2011) am 22. August 2011 mit einem eigenen Beitrag gewürdigt hat, dürfte sein Name auch vielen Nicht-Lesern ein Begriff sein.
Entsprechend hoch sind die Erwartungen an ein Werk, das den Inbegriff künstlerischer Kreativität und Originalität, das Genie, bereits im Titel trägt. Bei der Lektüre zeigt sich jedoch rasch, dass Genialität und Genie unter den Themen und Motiven des Romans nur eine untergeordnete Rolle spielen. Fast genial ist ein literarisches road movie, eine klassische coming of age story, in der die Suche des Protagonisten nach seinem Vater in Wahrheit die Suche nach der eigenen Identität und einem Platz in Welt und Leben repräsentiert. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)