Arnold Stadler: Da steht ein großes JA vor mir. Zu einer Arbeit von Margarete Marquardt.

Rezension von Jürgen Gunia

Jemand betritt im Herbst 2011 die romanische Basilika von Stein am Rhein, um zu beten – und ist maßlos enttäuscht: Keine Altäre mehr, keine Heiligen. Stattdessen ein Rednerpult und Konferenzbestuhlung. Eine Profanierung, die der Besucher als niederschmetternde Leere wahrnimmt. Er fährt weiter. Sein Weg führt ihn in die württembergische Donaustadt Tuttlingen, zur evangelischen Stadtkirche, einem beeindruckenden historistischen Zeugnis für protestantisches Selbstbewusstsein. Der Besucher, durch Herkunft und Studium katholisch geprägt, interessiert sich jedoch nicht für Geschichte und Architektur. Er scheint sofort gebannt von der Installation der Künstlerin Margarete Marquardt, die seit kurzem hier zu sehen ist.

Die Schweizerin Marquardt hat die Tuttlinger Jesusfigur, die am Kreuz zwischen Kanzel und Altar hängt, acht Wochen lang mit weißem Verbandsmaterial umwickelt. Der Körper ist nur noch in Konturen zu erkennen, die Wunde ist verbunden. Und so heißt denn auch die Installation: „ver bun den“. Seitlich vor dem umhüllten Jesus ist ein weiteres Band zu sehen. Es ist rot-violett und wurde von der Decke zum Boden gespannt. Von einem Scheinwerfer angestrahlt, wirkt es wie ein Himmel und Erde verbindender Lichtstrahl. Der Besucher erfährt in dieser Installation, die die katholische Tradition, das Kreuz zur Fastenzeit zu verhüllen, eigentümlich variiert, nachhaltig den Eindruck von Heil und Erlösung. Er beschließt, ein Buch über diese Begegnung zu schreiben. Das Buch hat den Titel Da steht ein großes JA vor mir. Sein Autor heißt Arnold Stadler. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Josef Winkler: Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrüche der Engel

Rezension von Benoît Pivert

Mit seinen erzürnten Putten im verschnörkelten Titel, seinen mehrzeiligen Kapitelüberschriften und seiner sich jeder literarischen Gattung entziehenden Zusammensetzung ist Josef Winklers 2011 erschienenes Buch Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrüche der Engel so barock wie eine österreichische Landkirche. Eigentlich ist das Buch als Fortsetzung der Rede zu verstehen, die Winkler 2008 in Darmstadt hielt, als er den Büchner-Preis entgegennahm. Damals hatte er den Anwesenden versprochen, auf einige Fragen zu antworten: Josef Winkler, wer ist das? Wo kommt er her? Was hat ihn geprägt? Wie ist er zum Schriftsteller geworden? Warum schämt er sich seit kurzem nicht mehr, wenn er nicht jeden Tag an Selbstmord denkt? Die Antworten auf diese Fragen hat der österreichische Schriftsteller zu einem Buch verdichtet, das sich, wie oft bei ihm, zu einer Selbsterkundung entwickelt. Obwohl Winklers Romane von Anfang an reichlich Aufschluss gaben über die Vita des Autors, erfährt der Leser hier einige bislang unbekannte Einzelheiten. Während er Winkler bei seiner Spurensuche begleitet, begreift er, wie die heutigen Obsessionen des Schriftstellers entstanden sind, welche Ereignisse auf seine Sensibilität nachhaltig gewirkt und welche Bücher ihn geprägt haben. Hier muss der Leser, anders als in früheren Werken, nicht zwischen Realität und reger Fantasie unterscheiden. Dieses Werk bietet unmissverständlich Bruchstücke einer Konfession. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Ilka Scheidgen: Gabriele Wohmann. Ich muss neugierig bleiben. Die Biographie.

Rezension von Benoît Pivert

Eine Biographie über Gabriele Wohmann war fraglos vonnöten. Vor fünfundzwanzig Jahren erschienen nämlich die letzten der Darmstädter Autorin gewidmeten Monographien. In Gabriele Wohmanns Werk zeichneten sich Tendenzen ab, die sich zwischenzeitlich bestätigt haben, aber damals nur erahnt werden konnten, wie jene Hoffnungsfunken, die Gerhard und Mona Knapp immer öfter durchschimmern sahen. Damals kamen metaphysische Fragen erst andeutungsweise zum Ausdruck, heute sind sie unüberhörbar geworden. Über eine Biographie, die das Spätwerk umfasst, können sich daher alle Leser nur freuen, zumal es sich um die erste Wohmann-Biographie im eigentlichen Sinne handelt. Verfasst wurde sie von Ilka Scheidgen, selbst Schriftstellerin und Publizistin, deren Biographie Hilde Domin – Dichterin des Dennoch (Kaufmann-Verlag, 2006), kurz vor dem Tod der Lyrikerin vollendet, besondere Beachtung fand.

Mit ihrem Buch über Gabriele Wohmann hat Ilka Scheidgen es geschafft, aus einem schier uferlosen, unüberschaubaren Oeuvre von etwa hundert Titeln das Wesentliche herauszuarbeiten. Sollte man sich an einen einzigen Satz aus dieser Biographie über Gabriele Wohmann erinnern, dann wäre es dieser: „Sie schreibt über Ungetröstete, ohne dass sie Trost anbietet, über Unglückliche und Suchende, ohne Antworten zu geben und Rezepte zu verteilen“ (S. 7). Ilka Scheidgen schildert nicht nur eine Vita, sondern die Quintessenz von Gabriele Wohmanns Schreiben. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Der Ursprung des Stahlgewitters. Ernst Jüngers tatsächliche Kriegstagebücher liegen nun auch in edierter Fassung vor

Rezension von Walter Delabar

Die Langzeitwirkung der Kriegsbücher Ernst Jüngers ist, bei nachträglicher Betrachtung, kaum verwunderlich. Die Affinität des Autors zum Krieg ist dabei nur ein Grund, wenn auch ein schwerwiegender, denn Jünger bot all denen Identifikations- und Anschlusspotenzial, die die Teilnahme an beiden Weltkriegen nicht per se zur Anklage bringen wollten. Damit aber nicht genug, denn egal was man ins Feld führt (schöne Wendung in diesem Zusammenhang), Jünger war ein Überlebender, mit allem Recht, das damit ihm zuzuschreiben ist. Problematisch bleibt seine zumindest zeitweise Nähe zur nationalistischen Extremen , auch wenn er seit etwa 1933 auf Distanz zum Nationalsozialismus ging und später zum weiteren Kreis des 20. Juli gehörte. Inwieweit sein Roman „Auf den Marmorklippen“ (1939) dieser Absage auch eine erzählerische Form gegeben hat, ist bis heute umstritten. Unabhängig davon: Die Überlegung, dass in der Extremform der Moderne, dem Krieg, der Mensch zu seinen Ursprüngen zurückfinden soll, hat zumindest konzeptionell einiges zu bieten; die Engführung von Krieg, Archaik und Moderne hat jüngers Attraktivität weiter erhöht. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Wolfgang Hilbig: Werke. Band 3: Erzählungen. Die Weiber. Alte Abdeckerei. Die Kunde von den Bäumen. Mit einem Nachwort von Ingo Schulze

Rezension von Markus Symmank (2011)

In Memoriam Alexander von Bormann

Die Folge der Werke Wolfgang Hilbigs in sechs Bänden setzte der S. Fischer Verlag im Jahr 2010 mit dem dritten Band fort, Hilbigs sächsischer Landsmann Ingo Schulze schrieb das Nachwort. Der dritte Band bringt drei längere Prosaerzählungen, die wie die Hilbigs Romane aus der enorm produktiven Schaffensphase der 80-iger Jahre stammen. Diese Jahre markierten für Hilbig die längere Phase des Übergangs aus der Nische des solitäreren Literaturschaffenden hin zu einer überschaubaren Bekanntheit, die sich in der Form von Literaturstipendien und öffentlichen Lesungen manifestierte. Biografisch geschah dies buchstäblich zwischen den deutschen Systemen: Mit einem Visum für die BRD reiste der vom Establishment ungelittene Hilbig Mitte der 80-iger Jahre aus; als die Mauer fiel, verfügte Hilbig über ein gültiges Visum.
Die Prosaerzählungen Die Weiber, Alte Abdeckerei und Die Kunde von den Bäumen versammeln chronologisch in abnehmendem Maße äußere Handlungen, widmen sich umgekehrt in gleichem Umfang intensiven poetologischen Auseinandersetzungen eines reifen Dichters, der seine Rolle kennt und der deren Genese nachzuzeichnen und zu reflektieren vermag. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Carsten Dutt, Dirk von Petersdorff (Hg.): Günter Eichs Metamorphosen. Marbacher Symposium aus Anlass des 100. Geburtstages am 1. Februar 2007

Rezension von Walter Hettche (2010)

Die Herausgeber dieses Tagungsbandes schreiben in ihrem Vorwort, die hier versammelten Beiträge seien Ausdruck einer „Neuorientierung“ (S. 7) nach der hitzigen Kontroverse um Günter Eichs Verhalten während der Nazizeit. Man widme sich „wieder stärker den literarischen Texten, dies allerdings mit einem geschärften Blick für deren historische Kontexte“ (ebd.). Die Debatte um „Eichs Fall“ hat in der Tat in allen neun Aufsätzen des Buches ihre Spuren hinterlassen, am deutlichsten bei Jürgen Joachimsthaler und Jörg Döring, die sich mit Eichs vielfältigen „Verstrickungen“ (Joachimsthaler) und mit der Rezeptionsgeschichte seines Hörspiels Träume befassen (Döring). Joachimsthaler insistiert in seinem umfangreichen Aufsatz auf den Kontinuitäten in Haltung und Poetologie Eichs und argumentiert, die Eich-Debatte der frühen 90er Jahre habe gerade nicht zu einer neuen Auseinandersetzung mit seinem Werk geführt, sondern „zu einer  Spaltung Eichs in einen anrüchig jungen und einen geläutert ,guten‘ späte(re)n Eich“ (S. 89). Er folgt der einigermaßen kruden These Hans Dieter Schäfers, wonach Eich nach 1945 genauso wie davor „Frieden mit den Apparaturen“ gemacht habe, „um abzukassieren“ (zitiert S. 88f.), und er geht so weit, zu behaupten, Eich habe „als mit Abstand erfolgreichster Hörspielautor der 30er bis 60er Jahre“ dem von ihm so geschmähten „Establishment“ selbst angehört, er sei im Dritten Reich wie in der Bundesrepublik der „Verstrickung“ erlegen. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Uwe Timm: Von Anfang und Ende. Über die Lesbarkeit der Welt. Frankfurter Poetikvorlesung

Rezension von Andreas Martin Widmann (2010)

Im Sommer 2009, als Uwe Timm die Frankfurter Poetikdozentur innehatte, fiel das fünfzigste Jahr ihres Bestehens zusammen mit den gerade erst verebbenden Wellen der Bestürzung über den Umzug des Suhrkamp Verlags nach Berlin und also mit dem Abschied von einer kulturellen Institution, die diese jährlichen Auftritte namhafter deutschsprachiger Autorinnen und Autoren von Beginn an mitgefördert und gestaltet hat. Auch der Adorno-Hörsaal, in dem die Vorlesungen stattfanden, wird bald nicht mehr existieren, und so stand Timms Dozentur rein äußerlich unter dem Zeichen einer Auseinandersetzung mit der Tradition, sowohl im Hinblick auf das Jubiläum als auch auf die bevorstehenden Brüche mit dem Hergebrachten. Timms Einblicken in den eigenen Schreibprozess ist dieser Rahmen insofern analog, als er dabei tatsächlich seine Überlegungen an eigenen Werken ebenso festmacht wie an solchen der Weltliteratur. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Nis-Momme Stockmann: Das blaue blaue Meer

Rezension von Johannes Birgfeld (2010)

Nis-Momme Stockmann, Jahrgang 1981, ist unter den jüngeren deutschsprachigen Theaterautoren so etwas wie ein Shootingstar: Im Juni 2009 gewann er, bis dahin ungespielt auf deutschen Bühnen, beim Heidelberger Stückemarkt mit Der Mann, der die Welt aß den Haupt- und den Publikumspreis. Im Dezember folgte die Uraufführung in Heidelberg, am 22. Januar die Erstaufführung von Das blaue blaue Meer in Frankfurt und schließlich in Stuttgart im Februar Kein Schiff wird kommen. Dessen Inszenierung von Annette Pullen wurde sogleich zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen und in das Rahmenprogramm des Berliner Theatertreffens 2010 aufgenommen. Seither wurde Stockmann in einer Umfrage unter 42 Theaterkritikern in Theater heute im August 2010 zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gekürt, und im November fand mit Die Ängstlichen und die Brutalen in Frankfurt eine weitere Uraufführung statt. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Thomas F. Schneider: Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“. Text, Edition, Entstehung, Distribution und Rezeption (1928-1930)

Rezension von Walter Delabar (2010)

Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues gehört aus mehrerlei Gründen zu den bedeutendsten literarischen Ereignissen des frühen 20. Jahrhunderts. Anfang 1929 im Propyläen-Verlag erschienen, erreichte der Roman innerhalb eines Jahres eine Auflage von rund 1 Mio. Exemplaren. Diese Auflage ist in der Kürze der Zeit und für das Segment innerhalb des Literaturbetriebs bemerkenswert. Der Roman ist durch seinen Verleger, den Ullstein-Konzern, zu dem der Propyläen-Verlag gehörte, bereits als Text erkennbar, der ein breites Lesepublikum erreichen will, dabei jedoch problemorientiert und zeitbewusst vorgeht. Mit der Kriegsthematik ist dies zweifelsohne geschehen, mit der Anlage des Textes ist zudem dem Dilemma begegnet, dass gerade bei einer derart brisanten Thematik einerseits die Gefahr besteht, dass der Text einerseits sich positionieren muss, um seine Leser zu erreichen, andererseits dabei keine zu klare Position einnehmen darf, um nicht von weiten Leserkreisen ausgeschlossen zu werden. Insofern ist Siegfried Kracauer zuzustimmen, der bei Gelegenheit seiner Besprechung des Romans vom gelungenen Experiment schrieb, das jeder Bestseller eben sei. Dass im selben Jahr Thomas Manns Buddenbrooks das selbe Kunststück gelang, allerdings mit einem zu diesem Zeitpunkt bereits knapp 30 Jahre alten Text, sei immerhin ergänzt, um zudem darauf verweisen zu können, dass sich das Qualitätssegment im Literaturbetrieb der Weimarer Republik Ende der zwanziger Jahre in massivem Umbau befand und dabei die Grundlagen des heutigen Buchmarketings entwickelte. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Wolfgang Hilbig: Werke. Band 2. Erzählungen und Kurzprosa

Rezension von Markus Symmank (2011)

In Memoriam Alexander von Bormann

Der zweite Band der Werke Wolfgang Hilbigs (* 1941, † 2007) widmet sich kürzeren fiktionalen Texten in chronologischer Folge. Versammelt sind Veröffentlichungen zu Lebzeiten und Ausgewähltes aus dem Nachlass; ergänzt wird das Corpus von einem Nachwort von Katja Lange-Müller, einer editorischen Einordnung von Jürgen Hosemann, von Quellen- und Inhaltsverzeichnis. Also eine Leseausgabe, die den editorischen Teil samt Entstehungs- und Erscheinungsdaten im Anhang bringt. Der erste Band der Werkausgabe versammelte Gedichte, im dritten Band folgen Texte aus dem Grenzbereich von Erzählung und Roman wie Die Weiber und Alte Abdeckerei. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)