Josef Winkler: Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrüche der Engel

Rezension von Benoît Pivert

Mit seinen erzürnten Putten im verschnörkelten Titel, seinen mehrzeiligen Kapitelüberschriften und seiner sich jeder literarischen Gattung entziehenden Zusammensetzung ist Josef Winklers 2011 erschienenes Buch Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrüche der Engel so barock wie eine österreichische Landkirche. Eigentlich ist das Buch als Fortsetzung der Rede zu verstehen, die Winkler 2008 in Darmstadt hielt, als er den Büchner-Preis entgegennahm. Damals hatte er den Anwesenden versprochen, auf einige Fragen zu antworten: Josef Winkler, wer ist das? Wo kommt er her? Was hat ihn geprägt? Wie ist er zum Schriftsteller geworden? Warum schämt er sich seit kurzem nicht mehr, wenn er nicht jeden Tag an Selbstmord denkt? Die Antworten auf diese Fragen hat der österreichische Schriftsteller zu einem Buch verdichtet, das sich, wie oft bei ihm, zu einer Selbsterkundung entwickelt. Obwohl Winklers Romane von Anfang an reichlich Aufschluss gaben über die Vita des Autors, erfährt der Leser hier einige bislang unbekannte Einzelheiten. Während er Winkler bei seiner Spurensuche begleitet, begreift er, wie die heutigen Obsessionen des Schriftstellers entstanden sind, welche Ereignisse auf seine Sensibilität nachhaltig gewirkt und welche Bücher ihn geprägt haben. Hier muss der Leser, anders als in früheren Werken, nicht zwischen Realität und reger Fantasie unterscheiden. Dieses Werk bietet unmissverständlich Bruchstücke einer Konfession. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

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