Über die „Deutschen Bücher“

Deutsche Bücher war eine germanistische Zeitschrift, die von 1971 bis 2013 erschien.

Sie wurde 1971 in Amsterdam begründet und hieß bis 1973 noch Het Duitse boek. Zunächst als reines Referatenorgan für die niederländische Germanistik konzipiert, entwickelte sie sich zu einer international rezipierten Zeitschrift, in der neben Rezensionen zu belletristischer und Fachliteratur auch Aufsätze zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sowie Interviews mit Autorinnen und Autoren erschienen. Seit 1995 trug sie entsprechend den Untertitel „Forum für Literatur. Autorengespräch – Kritik – Interpretation“.

Herausgegeben wurden die Deutschen Bücher u. a. von Ferdinand van Ingen, Gerdt Labroisse, Anthony van der Lee, Hendrik Meijering, Hartmut Laufhütte, Karl Müller, Bodo Plachta, Hans-Peter Ecker und Christian Schlösser.

Durch die internationale Ausrichtung und das vierteljährliche Erscheinen der Hefte begünstigt, hat sich in den Deutschen Büchern eine stärker beschreibende und einordnende als wertende Rezensionskultur etabliert: Feuilletondebatten wurden eher bilanziert, als dass sich die Rezensenten/-innen an ihnen beteiligten.

Mit dem 39. Jahrgang wurde die Zeitschrift als Printmedium eingestellt (Inhaltsverzeichnisse 30.-39. Jahrgang hier), vom 40. bis zum 43. Jahrgang erschienen Beiträge online (s.u.).

Auch aufgrund ihrer Geschichte bestand eine zentrale Funktion der Deutschen Bücher in der Bereitstellung von Informationen über aktuelle Tendenzen der deutschsprachigen Literatur und Literaturwissenschaft für die Auslandsgermanistik. Diese Aufgabe übernehmen mittlerweile aber Internetangebote wie literaturkritik.de und IASL online sowie Newsletter wie H-Germanistik.

Auch zeigen die germanistischen Forschungsaktivitäten der letzten Jahre, dass erfreulicherweise auch nicht mehr für die Gegenwartsliteratur als Forschungsgegenstand geworben werden muss.

Vor diesem Hintergrund haben wir beschlossen, die Zeitschrift in ihrer bisherigen Form einzustellen. Wir möchten allen Beiträgern und Interviewpartnern, Herausgebern und Redakteuren herzlich für Ihren Anteil an 43 Jahren Deutsche Bücher danken.

Die Redaktion

 

Arnold Stadler: Da steht ein großes JA vor mir. Zu einer Arbeit von Margarete Marquardt.

Rezension von Jürgen Gunia

Jemand betritt im Herbst 2011 die romanische Basilika von Stein am Rhein, um zu beten – und ist maßlos enttäuscht: Keine Altäre mehr, keine Heiligen. Stattdessen ein Rednerpult und Konferenzbestuhlung. Eine Profanierung, die der Besucher als niederschmetternde Leere wahrnimmt. Er fährt weiter. Sein Weg führt ihn in die württembergische Donaustadt Tuttlingen, zur evangelischen Stadtkirche, einem beeindruckenden historistischen Zeugnis für protestantisches Selbstbewusstsein. Der Besucher, durch Herkunft und Studium katholisch geprägt, interessiert sich jedoch nicht für Geschichte und Architektur. Er scheint sofort gebannt von der Installation der Künstlerin Margarete Marquardt, die seit kurzem hier zu sehen ist.

Die Schweizerin Marquardt hat die Tuttlinger Jesusfigur, die am Kreuz zwischen Kanzel und Altar hängt, acht Wochen lang mit weißem Verbandsmaterial umwickelt. Der Körper ist nur noch in Konturen zu erkennen, die Wunde ist verbunden. Und so heißt denn auch die Installation: „ver bun den“. Seitlich vor dem umhüllten Jesus ist ein weiteres Band zu sehen. Es ist rot-violett und wurde von der Decke zum Boden gespannt. Von einem Scheinwerfer angestrahlt, wirkt es wie ein Himmel und Erde verbindender Lichtstrahl. Der Besucher erfährt in dieser Installation, die die katholische Tradition, das Kreuz zur Fastenzeit zu verhüllen, eigentümlich variiert, nachhaltig den Eindruck von Heil und Erlösung. Er beschließt, ein Buch über diese Begegnung zu schreiben. Das Buch hat den Titel Da steht ein großes JA vor mir. Sein Autor heißt Arnold Stadler. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Josef Winkler: Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrüche der Engel

Rezension von Benoît Pivert

Mit seinen erzürnten Putten im verschnörkelten Titel, seinen mehrzeiligen Kapitelüberschriften und seiner sich jeder literarischen Gattung entziehenden Zusammensetzung ist Josef Winklers 2011 erschienenes Buch Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrüche der Engel so barock wie eine österreichische Landkirche. Eigentlich ist das Buch als Fortsetzung der Rede zu verstehen, die Winkler 2008 in Darmstadt hielt, als er den Büchner-Preis entgegennahm. Damals hatte er den Anwesenden versprochen, auf einige Fragen zu antworten: Josef Winkler, wer ist das? Wo kommt er her? Was hat ihn geprägt? Wie ist er zum Schriftsteller geworden? Warum schämt er sich seit kurzem nicht mehr, wenn er nicht jeden Tag an Selbstmord denkt? Die Antworten auf diese Fragen hat der österreichische Schriftsteller zu einem Buch verdichtet, das sich, wie oft bei ihm, zu einer Selbsterkundung entwickelt. Obwohl Winklers Romane von Anfang an reichlich Aufschluss gaben über die Vita des Autors, erfährt der Leser hier einige bislang unbekannte Einzelheiten. Während er Winkler bei seiner Spurensuche begleitet, begreift er, wie die heutigen Obsessionen des Schriftstellers entstanden sind, welche Ereignisse auf seine Sensibilität nachhaltig gewirkt und welche Bücher ihn geprägt haben. Hier muss der Leser, anders als in früheren Werken, nicht zwischen Realität und reger Fantasie unterscheiden. Dieses Werk bietet unmissverständlich Bruchstücke einer Konfession. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Hanno Millesi im Gespräch

Interview von Jana Schulze

„Davon verraten wir nichts. Wir wissen es teilweise selbst nicht, wie etwa im Fall eines Künstlers keineswegs vorausgesetzt werden darf, er müsse in der Lage sein, all jene Unklarheiten zu beseitigen, die von der Tatsache seines Werkes aufgeworfen werden. Er hat ja bereits die Fragen gestellt, eine zumindest, und demzufolge ist es am Betrachter, nach einer passenden Antwort zu suchen. So jedenfalls lauten die Spielregeln.“

Millesi, Hanno: Ballverlust.

 

Hanno Millesi zählt zu den interessantesten Stimmen einer Generation junger österreichischer Literatur. Sein schriftstellerisches Werk definiert sich über essayistische Prosa und erzählerische Arbeiten. Daneben beschäftigt er sich mit Radio- und Videoprojekten sowie der Gestaltung von Bild- und Fotocollagen. Vom experimentellen Schriftstellertum geprägt, zeichnet sich sein Werk durch einen unverkennbaren Sound aus.

Beginnen wir mit einem breit rezipierten Aspekt der Literaturtheorie: Was ist ein Autor?

Die Einfachheit dieser Frage wirbelt den vielfältigen Diskurs auf, der rund um diesen Begriff in den vergangenen Jahrzehnten gesponnen bzw. gehäkelt wurde. Es ist noch gar nicht lange her, als der Autor begann, beflissen vor sein Werk zu treten, um mangels Anpassungsfähigkeit sukzessive von der Vorstellungswelt der Leser und Kritiker absorbiert zu werden. Fallweise meldet er sich noch als juristische Körperschaft zu Wort, um sein Urheberrecht einzufordern.

Obwohl wie jeder und jede mit den zahlreichen Facetten eines solchen Identitätsbündels gesegnet, treffe ich keine davon an meinem Schreibtisch an. Dort erwartet mich der Autor als ein Alter Ego. Wir treffen uns, um zusammenzuarbeiten. Wie harmonisch das vonstatten geht, hängt von der Tagesform ab. Wem gelingt es, sich in Frage zu stellen, ohne sich völlig aus den Augen zu verlieren? Wer schielt auf die Rezeption? Wer ist bereit, sich durch Handheben zur Autorenschaft zu bekennen? Mit Autorität hat das kaum noch etwas zu tun. Eher mit einem vernarbten Regelwerk.

Kein Mensch verdient es als Autor in der Endfassung verschleiert zu werden. Erkenntnis eignet sich nicht, jemanden auszuschließen. Der Autor verleiht seinem Werk Charakter, anstatt ein Image seiner selbst zur vermeintlichen Virtuosität beglückwünschen zu lassen.

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Ilka Scheidgen: Gabriele Wohmann. Ich muss neugierig bleiben. Die Biographie.

Rezension von Benoît Pivert

Eine Biographie über Gabriele Wohmann war fraglos vonnöten. Vor fünfundzwanzig Jahren erschienen nämlich die letzten der Darmstädter Autorin gewidmeten Monographien. In Gabriele Wohmanns Werk zeichneten sich Tendenzen ab, die sich zwischenzeitlich bestätigt haben, aber damals nur erahnt werden konnten, wie jene Hoffnungsfunken, die Gerhard und Mona Knapp immer öfter durchschimmern sahen. Damals kamen metaphysische Fragen erst andeutungsweise zum Ausdruck, heute sind sie unüberhörbar geworden. Über eine Biographie, die das Spätwerk umfasst, können sich daher alle Leser nur freuen, zumal es sich um die erste Wohmann-Biographie im eigentlichen Sinne handelt. Verfasst wurde sie von Ilka Scheidgen, selbst Schriftstellerin und Publizistin, deren Biographie Hilde Domin – Dichterin des Dennoch (Kaufmann-Verlag, 2006), kurz vor dem Tod der Lyrikerin vollendet, besondere Beachtung fand.

Mit ihrem Buch über Gabriele Wohmann hat Ilka Scheidgen es geschafft, aus einem schier uferlosen, unüberschaubaren Oeuvre von etwa hundert Titeln das Wesentliche herauszuarbeiten. Sollte man sich an einen einzigen Satz aus dieser Biographie über Gabriele Wohmann erinnern, dann wäre es dieser: „Sie schreibt über Ungetröstete, ohne dass sie Trost anbietet, über Unglückliche und Suchende, ohne Antworten zu geben und Rezepte zu verteilen“ (S. 7). Ilka Scheidgen schildert nicht nur eine Vita, sondern die Quintessenz von Gabriele Wohmanns Schreiben. Weiterlesen (gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Der Ursprung des Stahlgewitters. Ernst Jüngers tatsächliche Kriegstagebücher liegen nun auch in edierter Fassung vor

Rezension von Walter Delabar

Die Langzeitwirkung der Kriegsbücher Ernst Jüngers ist, bei nachträglicher Betrachtung, kaum verwunderlich. Die Affinität des Autors zum Krieg ist dabei nur ein Grund, wenn auch ein schwerwiegender, denn Jünger bot all denen Identifikations- und Anschlusspotenzial, die die Teilnahme an beiden Weltkriegen nicht per se zur Anklage bringen wollten. Damit aber nicht genug, denn egal was man ins Feld führt (schöne Wendung in diesem Zusammenhang), Jünger war ein Überlebender, mit allem Recht, das damit ihm zuzuschreiben ist. Problematisch bleibt seine zumindest zeitweise Nähe zur nationalistischen Extremen , auch wenn er seit etwa 1933 auf Distanz zum Nationalsozialismus ging und später zum weiteren Kreis des 20. Juli gehörte. Inwieweit sein Roman „Auf den Marmorklippen“ (1939) dieser Absage auch eine erzählerische Form gegeben hat, ist bis heute umstritten. Unabhängig davon: Die Überlegung, dass in der Extremform der Moderne, dem Krieg, der Mensch zu seinen Ursprüngen zurückfinden soll, hat zumindest konzeptionell einiges zu bieten; die Engführung von Krieg, Archaik und Moderne hat jüngers Attraktivität weiter erhöht. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)

Wolfgang Hilbig: Werke. Band 3: Erzählungen. Die Weiber. Alte Abdeckerei. Die Kunde von den Bäumen. Mit einem Nachwort von Ingo Schulze

Rezension von Markus Symmank (2011)

In Memoriam Alexander von Bormann

Die Folge der Werke Wolfgang Hilbigs in sechs Bänden setzte der S. Fischer Verlag im Jahr 2010 mit dem dritten Band fort, Hilbigs sächsischer Landsmann Ingo Schulze schrieb das Nachwort. Der dritte Band bringt drei längere Prosaerzählungen, die wie die Hilbigs Romane aus der enorm produktiven Schaffensphase der 80-iger Jahre stammen. Diese Jahre markierten für Hilbig die längere Phase des Übergangs aus der Nische des solitäreren Literaturschaffenden hin zu einer überschaubaren Bekanntheit, die sich in der Form von Literaturstipendien und öffentlichen Lesungen manifestierte. Biografisch geschah dies buchstäblich zwischen den deutschen Systemen: Mit einem Visum für die BRD reiste der vom Establishment ungelittene Hilbig Mitte der 80-iger Jahre aus; als die Mauer fiel, verfügte Hilbig über ein gültiges Visum.
Die Prosaerzählungen Die Weiber, Alte Abdeckerei und Die Kunde von den Bäumen versammeln chronologisch in abnehmendem Maße äußere Handlungen, widmen sich umgekehrt in gleichem Umfang intensiven poetologischen Auseinandersetzungen eines reifen Dichters, der seine Rolle kennt und der deren Genese nachzuzeichnen und zu reflektieren vermag. Weiterlesen (Gesamte Rezension als PDF-Dokument)